«… es braucht eben seine Zeit …»

Volksstimme – Do, 27. Juni 2019

Christian Horisberger

Daniel Stocker wehrt sich gegen den Vorwurf, in der Begegnungszone untätig zu sein
Von wegen Nichtstun – Sissachs Strassenchef Daniel Stocker erklärt, warum es so lange dauert, um in der Begegnungszone Veränderungen vorzunehmen und welche Massnahmen demnächst umgesetzt werden.

Herr Stocker, bei einer Strassenaktion bezichtigte die «Begegnungs AG» den Gemeinderat des Nichtstuns. Zehn Jahre seien seit der Eröffnung der Zone verstrichen und nichts habe sich an der Situation verändert: Blech, Blech, Blech. Sie sind der Strassenchef. Lassen Sie das auf sich sitzen?
Daniel Stocker:
«Chutzebisel», würde mein Schwiegervater dazu sagen. Es stimmt nicht, was da behauptet wird. Wir sind in der Begegnungszonen-Kommission seit Jahren daran, nach Optimierungen zu suchen.

Sichtbar ist aber nichts. Seit dem Tag der Eröffnung des «Strichcodes» wird die Dominanz des Autos kritisiert. Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.
Das sind Befindlichkeiten einzelner Leute, die etwas durchstieren wollen, obwohl sie den Apparat kennen und ebenfalls wissen, wie lange es dauert, etwas umzusetzen. Ich höre viel mehr Stimmen, die mit der Begegnungszone hochzufrieden sind. Ich versichere Ihnen: Die Kommission Begegnungszone ist an der Arbeit, aber es braucht eben seine Zeit.

Das heisst es immer. Zuerst hiess es, man müsse warten, bis die Güterstrasse umgebaut ist, dann sollte man Geduld haben, bis die Migros fertig gebaut hat und in diesem Abschnitt der Hauptstrasse Tempo 30 gilt …
Ich möchte daran erinnern, dass der Gemeinderat geplant hatte, einen Einbahn-Verkehrsversuch in der Begegnungszone zu starten. Der Kanton verlangte dafür drei Verkehrszählungen. Auf Antrag der «Stechpalme» hat die Gemeindeversammlung vor zwei Jahren den Betrag für die dritte Zählung aus dem Budget gestrichen. Ohne diese Zählungen bringt der Versuch nichts. Es macht mich wütend, wenn man uns der vom Kanton vorgegebenen Instrumente beraubt und hinterher behauptet, wir würden nichts tun.

Hätte nicht ein kurzer Test bewiesen, dass der Gemeinderat die Kritik ernst nimmt?
Die Gemeinde kann ohne das Einverständnis des Kantons nur für maximal 30 Tage eine temporäre Neusignalisation verfügen. Die Erkenntnisse daraus wären aber nicht repräsentativ. Es dauert Monate, bis sich die Menschen an eine neue Situation gewöhnt haben. Das behaupten nicht wir, sondern die Fachleute, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir selber sind ja keine Verkehrsexperten. Aber im Dorf gibt es viele davon …

Der Einbahnversuch wurde also beerdigt. Was haben Sie stattdessen unternommen?
Zusammen mit «Fussverkehr Schweiz» hat der Gemeinderat einen ganzen Katalog von Massnahmen für Aufwertungen in der Begegnungszone geprüft, einige davon werden wir zeitnah umsetzen.

Welche?
Um das Tempo der bei der Sonnenkreuzung in die Begegnungszone einfahrenden Autos zu reduzieren, werden im Juli die Pflanzentöpfe beim Gemeindehaus weiter in den Strassenraum gerückt. Damit entsteht gleichzeitig ein Bereich, der bespielt werden kann – etwa mit einem Glace- oder Grillstand. Zudem starten wir einen halb- bis ganzjährigen Versuch mit drei bis fünf Kurzzeit-Parkplätzen vor gut frequentierten Geschäften mit einer Parkzeit von maximal 15 Minuten. Damit sollen mehr freie Parkplätze generiert und der Suchverkehr reduziert werden. Drittens stehen wir im Gespräch mit der Familie Rieder: Wir möchten zwei Parkfelder vor dem Platz neben dem Coop aufheben und die Pflanzentröge umstellen, um so den Platz zur Begegnungszone hin zu öffnen.

Das zielt in Richtung Verbesserung der Aufenthaltsqualität ab, klingt nicht nach spürbar weniger Durchgangsverkehr und mehr Sicherheit für die Fussgänger.
Ich denke, dass dieses Sicherheitsempfinden auch herrscht, weil viele Autolenker – und Velofahrer – noch immer nicht begriffen haben, wie Begegnungszone geht: Nicht sie haben Vortritt, sondern die Fussgänger, nur dürfen die Fussgänger den Verkehr nicht mit Absicht behindern. Kürzlich habe ich selber diese Erfahrung gemacht: Mit zwei Begleitern spazierte ich Seite an Seite im Strassenraum durch die Begegnungszone, aber so, dass uns ein Auto locker umfahren konnte. Ein Autolenker überholte uns und zeigte uns dabei den Vogel. Das nach zehn Jahren!

Seit zehn Jahren hat die Begegnungszone auch den zweifelhaften Ruf, der längste Parkplatz des Baselbiets zu sein. Wie lange besteht noch Anlass dazu?
Der Gemeinderat ist bestrebt, Parkplätze in der Begegnungszone abzubauen – aber erst, wenn ausserhalb Ersatz geschaffen ist. Denn ohne Parkplätze kann das Gewerbe nicht existieren und es käme in Sissach zu einem Ladensterben, wie man das in der Rheinfelder Altstadt beobachten konnte. Das gilt es zu verhindern.

Haben sich die Pläne mit dem Parking am Bahnhof mit der SBB konkretisiert?
Der Gemeinderat hat grosses Interesse an diesem Parkhaus. Als Standort ist das SBB-eigene Areal zwischen Güterschopf und Busbahnhof vorgesehen, Kostenpunkt 3,5 bis 4 Millionen Franken. Gegenstand der Diskussionen ist, wer ins Parkhaus investiert und wer die Bewirtschaftung übernimmt. Den SBB wäre es am liebsten, die Gemeinde würde den Bau finanzieren und sie selber könnten das Parking betreiben und den Ertrag einstreichen. Damit sind wir nicht einverstanden. Die Gespräche gehen in 14 Tagen in die nächste Runde.

«… es braucht eben seine Zeit …»