Eher Parkplatz als Begegnungszone

BaZ – Di, 18.11.2008

Philipp Loser / Alain Cassidy

Parkplätze statt flanierende Menschen, Durchgangsverkehr statt Begegnung. Viele Sissacherinnen und Sissacher sind von ihrem neuen Ortskern enttäuscht. Einzig das Gewerbe jubelt.

Es war ein rauschendes Fest. Es ist ein mächtiger Kater. Die Begeisterung war fast mit Händen greifbar, als die Sissacherinnen und Sissacher vor gut einem Monat ihre neue Begegnungszone einweihen durften. Sieben Monate dauerte die Bauerei, sieben Monate war der Sissacher Ortskern eine einzige Baustelle. Und dann diese Eröffnung. Auf der Strasse standen die Menschen dicht nebeneinander, in den «ad hoc» eröffneten Kellerbars floss der Alkohol bis in die frühen Morgenstunden. An diesem Wochenende war die Sissacher Begegnungszone, was sie in ihrem Namen verspricht: eine Zone der Begegnung.

Für zwei Tage jedenfalls. Als am Montag die Stände abgeräumt und die Abfälle des Festes weggefegt waren, begegneten sich im Sissacher Dorfkern keine Menschen mehr. Stattdessen füllte sich innerhalb von wenigen Stunden die ganze Begegnungszone mit Autos. Sauber aufgereiht standen die Wagen hintereinander auf beiden Seiten der Hauptstrasse. Und in der Mitte, wo noch ein schmales Asphaltband zur Begegnung übrig blieb, rollte ein Fahrzeug nach dem anderen durch Sissach.

Die Fussgänger hingegen, die sich noch am Wochenende zuvor so in ihrem neuen Ortskern vergnügt hatten, waren wieder, wo sie vor der grossen Baustelle waren: am Rand. «In dieser Begegnungszone begegnen sich vor allem Autos», sagt Heiner Oberer, Gründungsmitglied der grünen Politorganisation «Stächpalme». Besonders samstags würde sich der Verkehr im Dorf regelrecht stauen. Oberer spricht damit aus, was viele Sissacherinnen und Sissacher denken: Diese Begegnungszone erfüllt die Erwartungen nicht.

«Der Mensch ist ein Gewohnheitstier», sagt dazu Gemeindepräsidentin Petra Schmidt (siehe Text unten). Es werde keine zwei Monate dauern, bis sich die Sissacher an die neue Situation gewöhnt hätten. Auch Alfred Gunzenhauser, Präsident der IG Einkaufszentrum und Inhaber einer Bäckerei, argumentiert mit der Gewohnheit der Menschen. Während der sieben Monate langen Bauzeit sei durch den Dorfkern kein einziges Auto gefahren, «da sind die Leute am Anfang nach der Eröffnung der Begegnungszone ein bisschen erschrocken».

Gunzenhauser selber ist nicht erschrocken – er setzte sich im Namen des Sissacher Gewerbes immer wieder vehement für die Parkplätze ein. Seine Umsätze sind seit Eröffnung der Begegnungszone gestiegen und haben beinahe wieder das Niveau der Zeit vor der Baustelle erreicht. Daran haben die Parkplätze in der Begegnungszone einen wesentlichen Anteil, ist Gunzenhauser überzeugt. Und: «Es war von Anfang klar, dass nach dem Umbau wieder etwa gleich viele Parkplätze eingezeichnet werden, wie vorher vorhanden waren.»

Eine Frage der Übung
Das sagt auch Alice Leber. Die ehemalige Gemeinderätin war bei der Planung der Begegnungszone von Anfang an dabei. Dass viele Sissacher jetzt enttäuscht sind, kann sie verstehen: «Man muss aber die Realität sehen. Der Entscheid gegen einen verkehrsfreien Ortskern fiel schon früh.» Als Vertreterin der Gemeinde sass Leber in der Jury, die das «Strichcode»-Projekt zum Sieger kürte. Die Jury empfahl damals, die Hauptstrasse autofrei zu gestalten. Die Gemeindeversammlung entschied sich jedoch 2001 für eine verkehrsberuhigte Begegnungszone. Sie selber habe sich vergebens für ein unterirdisches Parkhaus unter dem Gemeindeplatz eingesetzt, sagt Leber. «Die Pläne lagen in der Schublade bereit.»

Bei den Einwohnern sorgen jedoch nicht nur die vielen Autos für Ärger. Einige nerven sich auch über die beiden grossen Stelen am Ein- und Ausgang der Begegnungszone. «Einkaufszentrum Sissach», steht darauf geschrieben. «Zu kommerzlastig» findet das der SP-Mann Ruedi Epple. Die Bezeichnung müsse wieder weg, fordert er. «Der öffentliche Raum ist mehr als nur ein Einkaufszentrum.»

Für Maya Graf, Nationalrätin der Grünen aus Sissach, ist die Begegnungszone keine grosse Enttäuschung. «Ich wusste ja, was uns erwartet.» Nun gehe es darum, das Beste daraus zu machen – und die Sissacher an ihre neuen Freiheiten zu gewöhnen. An einer Sitzung der «Stächpalme» von vergangener Woche regte Graf an, Kurse anzubieten, in denen der richtige Umgang mit einer Begegnungszone erklärt werden soll. Eine Idee, die auch die Gemeindepräsidentin überzeugt.

Landrat Isaac Reber (Grüne) geht noch einen Schritt weiter: Um die Parkplätze aus dem Ortskern zu bringen, brauche es Alternativen. Konkret denkt er an eine gemeindeeigene Einstellhalle für Autos unter dem Postplatz und ein Parking beim Güterbahnhof, das gemeinsam mit den SBB gebaut werden könnte. Die Gemeinde winkt aber ab: Die Variante Postplatz ist zu teuer, beim Güterbahnhof haben die SBB schon Nein gesagt.

Allerdings gebe es private Areale zwischen Bahnhof und Hauptstrasse, die für eine Einstellhalle infrage kämen. Damit würden die Parkplätze aus dem Ortskern aber nicht verschwinden, es würde höchstens deren Anzahl reduziert. Petra Schmidt: «Wenn es keine Parkplätze mehr gibt, kaufen die Leute nicht mehr in Sissach ein.»

Weitere Ideen, die den Ortskern attraktiver machen sollen, sind vorhanden. Biobauer Pascal Benninger zum Beispiel möchte den wöchentlichen Bauernmarkt vom Nebiker-Areal auf die Hauptstrasse holen. Und die «Stächpalme» hat eine überparteiliche Arbeitsgruppe gegründet, die ihre Vorschläge schon bald mit dem Gemeinderat besprechen will. Dabei gehe es vor allem darum, mit gezielten Aktionen Leben in die Begegnungszone zu bringen. Gerade in der kalten Jahreszeit dürfe man sich jedoch nichts vormachen, sagt Heiner Oberer: «Mediterrane Verhältnisse werden wir in Sissach nie haben.»

Eher Parkplatz als Begegnungszone