Viel mehr Bäume, viel weniger Verkehr

Volksstimme – Do, 22. Oktober 2022

Im Konzept von Landschaftsarchitektur-Studentin Jennifer Bolliger werden die Verkehrsfl ächen zugunsten von Rabatten für Blumen und Bäume reduziert und verkleinert.
Visualisierung zvg

Studierende zeigen Ideen für Neugestaltung der Begegnungszone

Ginge es nach den angehenden Landschaftsarchitekten der Fachhochschule Ost, gäbe es in der Begegnungszone wesentlich weniger Parkplätze und Autos – und sie wäre viel grüner. Die Arbeiten der Studierenden sind bis kommenden Samstag im Bistro «Cheesmeyer» zu sehen.

Christian Horisberger

Im westlichen Teil der Begegnungszone ist noch bis im November ein Einbahnverkehr-Versuch im Gang. Der vom Gemeinderat angeordnete Test soll zeigen, ob die Massnahme mehr Ruhe in die Strasse bringt und damit den Fussgängerinnen und Fussgängern ein sichereres Gefühl gibt. Gleichzeitig befasst sich die Sissacher «Begegnungs AG», die sich für eine höhere Aufenthaltsqualität in der Begegnungszone engagiert, mit der möglichen zukünftigen Gestaltung des Ortszentrums. Jetzt trägt sie die Ergebnisse der Überlegungen in die Öffentlichkeit.

Steinplatten anstelle eines Teerbelags, viel mehr Schatten spendende Bäume, mehr Sitzgelegenheiten auch, viel weniger Parkplätze und ein geringeres Verkehrsaufkommen: So würde die Sissacher Begegnungszone aussehen, wenn es nach angehenden Landschaftsarchitekten ginge. Auf Einladung der «Begegnungs AG» haben Viertsemester-Studenten der Fachhochschule Ost in Rapperswil den «Strichcode» unter die Lupe genommen und Konzepte entwickelt, wie das Ortszentrum in Bezug auf Verkehrsführung, Parkierung, Begrünung, Belag, Beleuchtung oder Aufenthaltsbereiche aufgewertet werden könnte.

Im Februar hatten die Studierenden Sissach besucht und sich über die komplexe Aufgabe mit Bedürfnissen verschiedener Nutzergruppen ins Bild setzen lassen (die «Volksstimme» berichtete). Von heute bis Samstag wird im Bistro «Cheesmeyer» eine Auswahl der Arbeiten der Studentinnen und Studenten gezeigt. An der Eröffnung der Präsentation wird der Dozent der Studierenden, Hansjörg Gadient, mitwirken. Er habe bei der Auswahl der Arbeiten darauf geachtet, ein möglichst breites Ideenspektrum zu zeigen, sagt der Professor auf Anfrage. «Was nicht zu sehen sein wird, ist ein Konzept, von dem man sagen könnte: ‹Das ist es! Das lässt sich umsetzen!›», sagt Gadient. «Der ‹Strichcode› ist das Herz von Sissach. Und wenn Sie am offenen Herzen operieren müssen, lassen Sie auch nicht einen Medizinstudenten im zweiten Lehrjahr ran.» Aber: Die Qualität der Arbeiten sei gut, findet der Dozent. Sie enthielten manche überlegenswerten Anregungen und clevere Ansätze für Sissach, die weiterentwickelt werden könnten.

Parkplätze aufheben
Was bei angehenden Landschaftsarchitekten nicht weiter überrascht: Sie würden sehr viel mehr Natur ins Ortszentrum bringen: Bäume pflanzen, den Boden teilweise oder ganz entsiegeln und sogar Wasser fliessen lassen. Dies, um an heissen Sommertagen durch Schatten oder Verdunstung die Lufttemperaturen zu senken, erklärt Gadient. Mit den meisten Parkplätzen in der Begegnungszone würde eine Mehrheit der Studierenden kurzen Prozess machen. «Für eine Stadt wären Parkmöglichkeiten in zwei bis drei Minuten Gehdistanz zum Zentrum luxuriös», kommentiert der Dozent. Ihm sei bewusst, dass die Sissacher Detaillisten dies anders sehen.

Auch in einem anderen Punkt haben die Studierenden an den lokalen Bedürfnissen vorbeigeplant. Laut Hansjörg Gadient sind vor dem «Cheesmeyer» in den meisten Konzepten mehrere Bäume vorgesehen, womit der Bereich als Veranstaltungsort (1.-August-Feier, «Jazz uf em Strich» und so weiter) verloren gegangen wäre. Dies hätten lokale Vertreter an der Schlusskritik in Rapperswil bereits angemerkt.

Geht es nach den meisten angehenden Landschaftsarchitekten, sollen weniger Autos durch die Begegnungszone rollen. Bewirken würden sie dies entweder mit einem verkehrsbefreiten Mittelteil der Begegnungszone, um die Durchfahrt durch den gesamten Bereich zu verunmöglichen, mit einem Einbahnverkehrsregime oder einem durchgehenden Fahrverbot für Motorfahrzeuge. Der durch die Reduktion der Verkehrsflächen gewonnene Freiraum könnte für zusätzliche Bepflanzungen, erweiterte Gartenwirtschaften, Sitzgelegenheiten oder Spielmöglichkeiten genutzt werden.

Der Professor würde die Begegnungszone in den Grundzügen im ähnlichen Stil verändern wie seine Studentinnen und Studenten: weniger fliessender und stehender Verkehr, sehr viel mehr Bäume und ein langlebigerer Strassenbelag: «Dass ein Belag schon nach 15 Jahren kaputt ist, geht ja gar nicht!»

Viel mehr Bäume, viel weniger Verkehr